GLOSSE

Die Zigarette

Das drohende Verbot öffentlichen Rauchens zeugt so seltsame Meinungen, dass man schon wieder nicht weiß, wo man sich lassen soll: bei den Rauchern, bei den Nichtrauchern, bei der Tabaklobby, bei den Gesundheitsaposteln? Die letzte Rettung heißt Multikulti: Wenn das Rauchen jetzt zur fremden Kultur wird, braucht es unseren Schutz! Ein Staat, der im Streit um den Qualm nicht auf die selbst regulierenden Kräfte der Geselligkeit vertraut, zerstört die letzten anarchischen Biotope wie Kneipe, Stammtisch und verruchte Nachtbar. Nun ja, Genuss und Lustbarkeiten waren der Obrigkeit immer verdächtig. Die Zigarette gehört zur Selbstbestimmung und die galt mal als moderne Errungenschaft. Ein genialer Kompromiss aus Rausch und Alltag, löst die Zigarette jede angespannte Lage, von der ersten Nacht bis zur Hinrichtung. Nach dem Krieg, zwischen Reichsmark und Währungsreform, war sie sogar ein wichtiges Zahlungsmittel. Einer, der es erlebt hat, sagte neulich: Damals hat uns die Zigarette verbunden, heute reißt sie uns auseinander. Vielleicht geht es ja darum: ohne Rauch keine Verschwörung. Andreas Krause Landt
Berliner Zeitung, 16.02.2007